Hier bin ich, oh Allah
Millionen junger Muslime machen sich jedes Jahr auf den Weg nach Saudi-Arabien. Im Rahmen der „Umrah“, der kleinen Pilgerfahrt, besuchen sie zum ersten Mal die heiligsten Stätten des Islam. Erlebnisbericht eines Pilgers.
Text: Karim Saad
Illustration: Anja Moritz
Was ist, wenn ich nicht mehr zurückkehre? Lohnt es sich, für ein „Sein“ zu sterben, dessen Existenz niemals bewiesen wurde? Während ich mein Testament in ein Kuvert schiebe, scheint die Welt stillzustehen. Der Islam schreibt bei einer Reise zu den heiligen Stätten vor, sich von allem Materiellen zu trennen, um sich mental auf ein neues Leben vorzubereiten. Aber auch die Möglichkeit des Todes auf dem „Weg zu Gott“ soll der Gläubige in Betracht ziehen. Mit leicht zittriger Hand schreibe ich die vielleicht letzten Worte meines Lebens. Es ist nicht einfach für einen, der in einer konsumfreudigen und weltlichen Gesellschaft aufgewachsen ist, mit seinem Leben abzuschließen.Die letzte Nacht auf heimischem Boden verbringe ich mit einem flauen Gefühl im Magen. Morgen ist der Abflugtag zu den heiligsten Stätten des Islam. Die kleine Pilgerfahrt, im Arabischen „Umrah“ genannt, ist für viele Muslime die erste Begegnung mit den Heiligtümern Mekka und Medina. In nur wenigen Stunden, in denen eine Hand voll Rituale ausgeführt werden, leistet ein Gläubiger dabei diesen freiwilligen Gottesdienst. Der Flughafen Wien-Schwechat ist mit einer wartenden Menschenmenge überfüllt. Sanfte Sonnenstrahlen scheitern beim Versuch, den kühlen Tag zu erwärmen. Mein Herz benötigt weder einen klimatischen Wechsel noch eine menschenfreie Umgebung. In ein paar Stunden wird sich für mich der Traum erfüllen, das höchste Heiligtum des Islam mit eigenen Augen aus nächster Nähe zu sehen.
In der Menschenschlange vor dem Check-in lerne ich meine Reisebegleiter kennen. Manche sind Freunde seit Jahren. Andere sehe ich zum ersten Mal. „Ich bin also nicht alleine auf meinem Weg zu Gott“, schießt es mir durch den Kopf. Im selben Moment reißt mich eine Stimme mit Vorarlberger Akzent aus meiner Gedankenwelt.
„Friede sei mit dir, Bruder. Ich bin der Ahmed“, stellt sich mir ein vollbärtiger junger Mann vor, der sich in die Schlange der Wartenden eingereiht hat. Nachdem wir die üblichen Floskeln ausgegetauscht haben, versinke ich wieder in meiner Furcht und Freude auf das Unberechenbare. Die Reise geht von Wien aus über Istanbul in die saudi-arabische Stadt Jeddah im Westen des Landes. Keiner der jungen Pilger ist sich darüber im Klaren, dass er in wenigen Stunden sein Gebet erstmals vor dem schwarzen Stein, der „Kaaba“, verrichten wird.
Die Kaaba ist ein 15 Meter hohes schwarzes Haus, bedeckt durch die „Kiswah“, einen goldenen Seidenstoff. Religiöses Prunkstück ist der so genannte „Schwarze Stein“, der an der südlichen Ecke eingearbeitet ist. Die Gläubigen stürzen sich bei ihrem Besuch in seine Nähe, um ihn zu berühren und zu küssen. Den Überlieferungen nach handelt es sich um einen Meteoriten, den einst der Erzengel Gabriel aus dem Paradies dem Propheten Abraham beim Erbauen der Kaaba überreichte.
In der Türkei gelandet, ist es für die jungen Muslime an der Zeit, in den Weihezustand zu treten. Ab jetzt ist es einem Pilger nicht mehr gestattet, seine Haare zu schneiden, sich zu parfümieren, die Nägel zu kürzen und böse Gedanken zu hegen. Ich verschwinde auf einer Toilette, um den „Ihram“, zwei weiße Tücher, anzulegen. Noch rasch in die nahtlosen Sandalen geschlüpft, und ich laufe im Eiltempo zum Flugschalter.
Ein junges deutsches Paar ist von meiner neuen Kleidung fasziniert und fragt, was ich hier tue. Obwohl ihr Partner in Gedanken an seine eigene Reise versunken ist, durchlöchert die junge Frau einen Glaubensbruder und mich mit Fragen rund um unser Gewand. Erfreut über die Antworten, bedankt sie sich, und auch ihr Mann strahlt; aber wohl eher darüber, dass seine Freundin endlich weitergeht. Angenehm kühl und zugleich unbedeckt fühlt sich ein menschlicher Körper in diesen beiden Tüchern. Ihre Botschaft: Egal wer du bist, woher du kommst, ob reich, ob arm, zu Gottes Füßen sind alle Menschen gleich.
Nach weiteren ungeduldig ertragenen Flugstunden landet die Maschine in Jeddah. Ein laues Lüftchen und der erdrückende Gestank von Abgasen begrüßen mich, als ich die Flughalle verlasse. Der klimatisierte Autobus und die Fahrtdauer von mehreren Stunden bilden die letzten Barrieren auf dem Weg zum Haus Gottes. Mittlerweile blicke ich erstmals auf die Uhr und merke, dass es bereits kurz nach Mitternacht ist. Die Müdigkeit schleicht sich nur langsam ein. Ich nehme Platz und beginne mit den anderen religiöse Texte zu rezitieren. „Labaik Allahuma Labaik“ („Hier bin ich, oh Allah“), hallt es durch den Innenraum des Fahrzeugs.
Meine Augen fallen erst frühmorgens zu. Ich erwache, als der Bus in die heilige Stadt Mekka einbiegt, die Lichter der großen Moschee sind bereits zu sehen. Ungeduldig erhebe ich mich von meinem Platz, um einen ersten Blick auf die Kaaba zu erhaschen. „El Haram“, der heilige Bezirk, wird die äußere Umgebung der Moschee in Mekka genannt. Marmorplatten, sieben Minarette, mosaikreiche Außenwände und dutzende Lichter komplettieren den architektonischen Glanz.
Die Kaaba ist noch nicht zu sehen, als das Fahrzeug in Richtung Hotel fährt. Plötzlich ist Eile angesagt. Das Morgengebet steht unmittelbar bevor. Rasch die Einteilung verlesen und die Koffer in den Zimmern verstaut. Da sehe ich Ahmed wieder, mit dem ich die nächsten zwei Wochen mein Schlafgemach teilen werde. Der Muezzin ruft zum täglichen Morgengebet, und die Gruppe junger österreichischer Muslime schlendert zur heiligen Moschee. Ich betrete den Haupteingang, ehrfürchtig, aber noch immer nicht begreifend, wo ich mich gerade befinde. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Zentrum des Gotteshauses.
Langsam eröffnet sich mir in einem Augenwinkel eine schwarze Fläche. Vom Inneren der Moschee geht es hinaus in einen riesigen, mit Marmorplatten ausgelegten Innenhof. Im Zentrum steht das monumentale Haus Gottes. Ich vergesse alles rund um mich. Für eine Sekunde bin ich der einzige Mensch auf der Welt. Ich spüre weder das Wehen des Windes, noch unterscheide ich zwischen der Dunkelheit der Nacht und der rötlichen Morgendämmerung. Während ich die ersten Verse des Koran rezitiere, überkommt es mich. Tränen überströmen mein Gesicht. Bei jedem Versuch, die Kaaba anzusehen, jagt ein Gefühl der unerbittlichen Ehrfurcht durch meinen Körper. In diesem Moment weiß ich: Gott ist bei mir.
Dem Morgengebet folgend, schreiten die jungen Pilger sieben Mal um die Kaaba, Bittgebete für Familie, Freunde und die Menschheit sprechend. Ich beende meinen Umlauf und genieße das fruchtige Zam-Zam-Wasser, ehe ich mit der Besteigung der beiden ehemaligen Berghügel Safa und Marwah anfange. Die theologische Symbolik des Umlaufs liegt in der einstigen Wassersuche der ägyptischen Sklavin Hagar. Die Ägypterin schenkte dem bis dahin kinderlosen Abraham auf Wunsch seiner Ehefrau Sarah einen Sohn. Jahre später wird Hagar in die Wüste vertrieben, da Sarah selbst einen Jungen auf die Welt bringt. Dem Tode nahe, weist ihr die Erscheinung des Erzengels Gabriel den Weg zu einem Brunnen.
Die Rituale der Umrah beenden die männlichen Gläubigen beim Frisör, um so den Weihezustand zu brechen. Glücklich und erschöpft lasse ich mich auf einer kühlen Bordsteinkante nieder und bedecke mein Haupt mit dem weißen Tuch, um mich vor der glutheißen Sonne zu schützen. Das Gefühl, Gott zu spüren, habe ich verloren. Ich gehe zurück ins Hotel und schlafe sofort ein.
Die nächsten Tage in Mekka verbringen die jungen Pilger Tag und Nacht vor der Kaaba im Gedenken an Gott und die Menschheit. Bereits um vier Uhr morgens ruft der Muezzin erstmals zum Gebet. Dann stehen Menschen aus allen Teilen der Welt frühmorgens nebeneinander vor dem Haus Gottes, in tiefer Bindung zu ihrer Religion und ihren Glaubensgeschwistern. Der Berg Hiraa ist Ziel des folgenden Tages. Die Erhebung hat im Islam eine wichtige theologische Bedeutung. Der Gipfel Hiraas gilt als Ort der ersten Offenbarung Gottes durch den Erzengel Gabriel. Die Worte „Lies im Namen des Herrn, der erschuf. Er erschuf den Menschen aus einem Blutklumpen“ leiten die Geburtsstunde des Islam ein.
Einst soll Hiraa dem Propheten Mohammed als meditativer Rückzugsort gedient haben. Heute zieren ihn Myriaden von weggeworfenen Coladosen und Plastiktüten. Den Respekt, den die Menschen ihrem Propheten zollen, lassen sie anscheinend gegenüber der Natur vermissen. Nach einer Woche in Mekka brechen wir in die erleuchtete Stadt Medina auf. Mohammed verließ 622 n.Chr. die Region Mekka, weil er Angst hatte, ermordet zu werden. In der Moschee des Propheten befinden sich seine Grabstätte und ein Teil des Paradieses – einer Überlieferung zufolge gilt ein Teil des Gebetshauses als Teil des Gartens Eden.
Symbolisch oder auch nicht: Als ich darin sitze, unterscheidet sich davon lediglich die Farbe des Teppichs unter meinen Füßen. Als ich das Grab des Propheten besuche und ihn mit den Worten „Friede sei mit dir“ begrüße, sehe ich Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen. In ihren Augen ist ein helles Leuchten, eine grenzenlose Fröhlichkeit und ein tiefes Gefühl der Hoffnung zu sehen. Hoffnung, dass sich ihr Leben fortan ändert, weil sie auf Gottes Reise erfolgreich waren.
Eine Sekunde später rügen Polizisten diejenigen, die anstatt in Richtung Mekka zur Grabstätte Mohammeds beten. Im Islam haben Propheten zwar eine entscheidende Rolle; das Gebet aber darf nur an Gott selbst gerichtet werden. Verstehen kann und will ich in diesem Moment die Handlungsweise meiner abgekehrten Glaubensbrüder nicht .
Die Abreise nach Österreich rückt näher. Angekommen mit Tränen in den Augen, verlasse ich Saudi Arabien mit einem seltsamen Gefühl. Bin ich nun ein besserer Mensch? Befreit von allen Sünden dieser Welt? Tage später sitze ich im Garten, höre dem Plätschern des Biotops zu und genieße die Schönheit der Natur. In diesem Moment weiß ich wieder: Gott ist bei mir.
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